Chronik der industrialisierung des Waldenburgertals

Aus der Chronik

Nachdem der Passverkehr über den Oberen Hauenstein durch den Bau der Eisenbahnlinie Basel-Olten (Centralbahn) vollständig zum Erliegen gekommen war, sah sich das an der Handelsstraße Basel-Genf gelegene Jurastädtchen Waldenburg gezwungen, der Arbeitslosigkeit und Verarmung der Bevölkerung zu begegnen. Die Gemeinde beschloss 1853 die Uhrenindustrie einzuführen und gründete die Rohwerkfabrik «Société d'Horlogerie à Waldenburg ». Das Unternehmen florierte aber erst, nachdem es privatisiert und 1859 vom jungen Kaufmann Gédéon Thommen und dem Uhrmacher Louis Tschopp übernommen wurde. Louis Tschopp war Uhrmacher-Chef und wurde deswegen aus dem Welschland nach Waldenburg berufen.

Die Firma prosperierte rasch, doch bereits 1870 trennte sich Thommen von Tschopp. Gédéon Thommen machte sich von Zulieferanten unabhängiger, als das aufstrebende Unternehmen Rohwerke in den eigenen Ateliers fabrizieren konnte. Neben preiswerten Rohwerken mit Zylinder- und Ankerhemmung produzierte Thommen fortwährend auch fertige Taschenuhren und Uhrgehäuse, u.a. eine verblüffende und um 1885 patentierte Erfindung war die «Springeruhr G.T.», eine Uhr mit sehr modern anmutender mechanischer Digitalanzeige nach einem englischen Patent für Thommen entwickelt.

Die Fabrikations- und Fertigungsmethoden wurden grundlegend verbessert und der Herstellung von Qualitätsuhren besonderen Wert beigemessen. Die unter dem Namen «Gédéon Thommen Uhrenfabrikation» geführte Firma gab ihren Uhren anfänglich das Erkennungszeichen G.T. Bahnbrechend war das «Système à pièces interchangeables», das in der Auswechselbarkeit der einzelnen Werkbestandteile bestand und den Übergang zur Serienfabrikation ermöglichte. Eine im «Remontoir-Patent» geschützte Erfindung führte zu einer Vereinfachung des Federaufzugs und der Zeigerstellung. Während 1870 noch 4'000 Uhren gefertigt wurden, erreichte der Ausstoss im Jahre 1890 schon mehr als das Vierfache.

Gédéon Thommens Weitsicht und Schaffenskraft blieb der Öffentlichkeit, der er sich in mannigfacher Weise zur Verfügung stellte, nicht verborgen. Er war Mitbegründer des «Waldenburger Bezirksblatts» und hatte grossen Anteil an der Gründung der Waldenburgerbahn, die 1880 als kleinste Schmalspurbahn Europas mit Dampfbetrieb eröffnet wurde und die Industriealisierung im Waldenburgertal erst ermöglichte. Dem Nationalrat gehörte Thommen während 26 Jahren an und stets war ihm das Schulwesenein besonderes Anliegen. Nach dem Tod des Industriepioniers Gédéon Thommen im Jahre 1890 übernahm dessen Sohn Alfons die Firma. Im Jahre 1905 gründete er «Thommens Uhrenfabriken AG» und ab 1910 hieß die Firma«Revue Thommen AG». In Gelterkinden und Langenbruck konnten Filialbetriebe und in Waldenburg ein weiteres Fabrikgebäude eröffnet werden. Der Währungszerfall in vielen Ländern, die schwere Wirtschaftskrise der 1930er Jahre sowie das «Schablonieren», d.h. der das Prestige der Schweizeruhr schädigende Massenexport von Uhrenbestandteilen, machten aber auch der Waldenburger Uhrenmanufaktur zu schaffen. Andererseits überraschte die Forschungs und Entwicklungsabteilung von «Thommens Uhrenfabriken AG» die Fachkreise mehrmals mit Epoche machenden Neuerungen. Erwähnt sei die selbstkompensierende Nivarox-Spiralfeder, die Zeitwaage zur Gangkontrolle der Uhren sowie die erstmals den härtesten Anforderungen genügenden REVUE-SPORT-Armbanduhren.Außer Uhren wurden ab 1936 auch Präzisionsmessinstrumente für die Luftfahrt hergestellt. 1961schlossen sich die Firmen Revue, Vulcain, Buser und Phénix zur «Manufactures d’Horlogerie SuisseRéunis SA» MSR zusammen. Revue fertigte weiterhin Armbanduhren mit Quarz- und mechanischen Werken.In den 1980er Jahren entschloß sich die Unternehmensleitung, die Verbindung mit den Thommen
Navigationsinstrumenten für die Luftfahrt zu verstärken und die Uhrenmarke in REVUE THOMMEN umzubenennen. Die Revue Thommen Weckerarmbanduhr Cricket erzielte schon fast Kultstatus. Mehrere
amerikanische Präsidenten — darunter Truman, Eisenhower oder Johnson — trugen diese Uhren.

Fabrikations- und Fertigungsmethoden wurden grundlegend verbessert

Jakob Schweizer wurde 1836 in Reigoldswil geboren. Er lernte 1853 in Péry den Beruf eines Uhrmachers und zog 1862 als gelernter Fachmann nach Waldenburg. Er übernahm dort das Postbüro und später auch das Telegrafenbüro. Schweizer liess sich in dieser Zeit zum Ingenieur ausbilden. Neben seiner eigentlichen Arbeit im Postbüro entwickelte er den legendären Langdrehautomaten (Abbildung oben).
1875 lernte Jakob Schweizer seinen nachmaligen Weggefährten Josef Müller aus Solothurn kennen, mit welchem er 1876 in der Schanzmühle eine Fabrik gründete (Firma Müller und Schweizer) und in welcher die Produktion von Langdrehautomaten aufgenommen wurde. Später wurden aus dieser Firma die Sphinx-Werke in Solothurn gegründet. Jakob Schweizer entwickelte auch eigens für die Uhrenindustrie ein metrisches Gewinde.